Hello!
ACH WIE GUT DASS NIEMAND WEIß…

Kreatives Schreiben

Nach der Wetterturbulenz auf dem Air-France-Flug von Paris landeten im Abstand von drei Monaten zwei völlig identische Maschinen mit der Kennung 006 und mit 243 identischen Menschen an Bord.

Flugzeuggedanken

Die Abflughalle war voll und laut. Regen prasselte unaufhörlich gegen das große Fenster. Die Flugzeuge draußen auf der Landebahn spiegelten sich als gebrochenen Mosaikteilchen in den Tropfen wieder. Dicke Wolken hingen schwer und tief am Himmel, als wären sie es, die gleich zum Landeanflug ansetzen würden. Sie versuchte das Stimmengewirr um sich herum auszublenden, aber sie hatte das Gefühl, einfach alles hören zu können. Das Baby, das schon bestimmt seit zehn Minuten schrie und das leise Murmeln der Mutter, die vergeblich versuchte es zu beruhigen. Das leise Schnarchen des älteren Herren zwei Sitze weiter, dessen Kopf auf die Brust gesunken war. Sogar das Rascheln seiner Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und die nun Stück für Stück darunter wegrutschte. Gleich würde sie zu Boden fallen. Das Geräusch mischte sich mit dem Rascheln einer Bäckertüte. Der Geruch von Salami und aufgewärmten Toast stiegen eine Reihe weiter vorne auf.

Sie hörte und roch und nahm all das wahr, und doch war es ihr unmöglich, sich auf ihr Gegenüber zu konzentrieren.
„Meine Güte“, dachte sie sarkastisch, „nicht einmal mir selbst kann ich zuhören.“ Die Gedanken kreisten unablässig in ihrem Kopf. Wie das Flugzeug draußen, das noch auf seine Landegenehmigung wartete. „Was würde passieren? Was könnte passieren? Würde überhaupt etwas passieren?“ Müde fuhr sie sich durch die Haare. Jetzt bereute sie es, vorhin am Kiosk keinen Kaffee mehr gekauft zu haben. Nur weil sie sich selbst beweisen musste, dass sie nicht das gleiche wollte wie ihre Begleiterin. Ein Kaffee wäre jetzt gut. Und endlich eine Landeerlaubnis für ihre Gedanken.
„Was, glaubst du, wird passieren?“
Dieser eine Satz suchte seinen Weg durch den dicken Teppich von Stimmen und Geräuschen. Er drang an ihr Ohr und traf auf ihre kreisenden Gedanken. Sie blickte ihr Gegenüber an. Endlich gelang es ihr sie zu fokussieren. Die Person, die wie sie auf einem der harten Plastikstühle in der Wartehalle des Flughafens saß.

Sie hatte die Beine überschlagen, ungeduldig mit dem Fuß wippend, den Blick auf sie gerichtet.
„Komisch“, dachte sie, „dass einem der eigene Anblick doch so fremd sein kann.“
„Also, was denkst du?“ fragte ihre Doppelgängerin noch einmal, und nahm einen großen Schluck aus ihrem Kaffebecher. „Du weißt doch ganz genau, was ich denke.“, wollte sie am liebsten sagen, ließ es aber. Sie wusste leider selbst genau, dass ihr Gegenüber das gerade nicht hören wollte.
Genauso wie sie wusste, dass ihre Doppelgängerin, die vor drei Monaten einfach so in ihr Leben gestolpert war, genauso viel Angst vor diesem Flug hatte, wie sie selbst. Denn was würde wohl passieren, wenn sie nun zusammen noch einmal in dieses Flugzeug steigen würden?
„Ich weiß es nicht.“, antwortete sie ihr ehrlicherweise, und blickte ihr nun ebenfalls in Augen.
„Aber wir werden es in circa zwei Stunden herausfinden.“

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