Artifizielle Naturstrukturen

Der heutige Mensch erfährt durch seine wachsende Distanz zur Natur ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach ihr. Dieses Bedürfnis kann durch das Betreten von natürlichen Räumen wie Wäldern oder Parkanlagen, aber auch durch das Betrachten von Zimmerpflanzen oder Naturdarstellungen befriedigt werden. Es genügt schon die ästhetische Erscheinung von Natur. Lässt sich diese Ästhetik nun auch mit rein technischen Mitteln erzeugen und reproduzieren? Und weiter gefragt: Gibt es also eine künstliche Natur?

Betreut durch Anna Lorey & Prof. Uli Braun

Die theoretische Grundlage bilden Studien, die seit den 80er Jahren im Zusammenhang mit dem Begriff Biophilie (die Liebe zum Lebendigen) stehen. Immer mehr dieser Studien belegen die positiven Effekte der Natur auf uns Menschen. Stresslinderung, Blutdrucksenkung und Aufmerksamkeitssteigerung sind Faktoren, die messbar werden, wenn wir uns mit der Natur auseinandersetzen. Selbst beim Betrachten von Naturdarstellungen zeigen sich diese Effekte. Lassen sich nun auch künstliche Naturstrukturen erzeugen, die eine ähnliche Wirkung auf uns Menschen haben?

Auf Basis der fraktalen Geometrie, die hauptsächlich in der Natur vorkommt, entwickelte ich Strukturen, die der Ästhetik der Natur nahe kommen und doch rein technisch erzeugt wurden. Die fraktale Geometrie oder die Geometrie der Natur beruht auf dem Prinzip eine gleichbleibende Form in unterschiedlichen Größen mehrfach zu wiederholen. Das selbe Prinzip wird bei den artifiziellen Naturstrukturen angewandt. Das Ergebnis sind Grundsysteme, deren Basis simple grafische Elemente bilden und die sich als Muster in immer größer werdendem Maßstab zu Naturstrukturen entwickeln.

Im Laufe des Semesters sind 12 Grundsysteme (A – L) entstanden. Alle basieren auf der gleichen Systematik und werden durch ihr Grundelement definiert. Das Grundkonzept der Systeme ist Komplexität durch Einfachheit. Die simplen Basiselemente kreieren erst durch ihre Wiederholungen in unterschiedlichen Größen die Naturstrukturen, die dann eine ausreichende Komplexität aufweisen, sodass die Systematik nicht mehr klar erkennbar ist – ein System hinter dem Chaos.

Begibt man sich in einen natürlichen Raum wie bspw. einen Wald, wird man schnell merken, dass man nicht nur von einer Art Pflanze umgeben ist. Vielmehr betritt man einen Raum voller Symbiosen und Gemeinschaften, in der jede Art sich ihren Raum gesucht hat. Dieses Prinzip wurde auf die Systeme übertragen. Durch ineinandergreifende Formen soll jedes System einen vorgegeben Raum erhalten. Diese systemgefüllten Formen greifen dann so ineinander, dass Systeme zwar teilweise erkannt werden, die Übergänge aber meistens verschwinden. So können großflächig Strukturen entwickelt werden, die eine hohe Diversität aufweisen.

Erste Tests mit den so entstandenen artifiziellen Naturstrukturen im Raum fanden an diversen Orten statt. Mit Textilbannern sollte bspw. überprüft werden, wie die Systeme wirken können und ob sie schon zu einer natürlichen Atmosphäre beitragen. Projektionen im urbanen Raum binden Oberflächen der Stadt mit ein und lassen sie ergrünen. So wird der Grundgedanke aufgegriffen und die Natur gewissermaßen in die Stadt zurückgeholt.

Alle Entwicklungen sind in einer Dokumentation mit ca. 150 Seiten festgehalten. Die Grundidee, die ersten Schritte sowie der aktuelle Stand des Projekts werden in diesem Buch dargestellt und erklärt. Wichtig zu sagen ist natürlich auch, dass das Projekt erst ganz am Anfang steht. In den kommenden Semestern ist zum einen eine Weiterentwicklung der Systeme und das Erschaffen von Atmosphären denkbar, zum anderen die Auswirkungen dieser Atmosphären auf Menschen. Eine Studie zu den Wirkungen der Systemen ist also durchaus denkbar. Zudem tauchen immer mehr Fragen auf die es zu klären gilt. Gibt es eine künstliche Natur? Was kann eine künstliche Natur leisten und wo findet sie ihren Platz?

3 Kommentare

Starke Gestaltungssysteme bin gespannt wohin das noch hinaus laufen wird.

Wo ist Berti? 🙁 vielleicht ziehst du am ende des Masters einen Ganzen zoo mit deinem Projekt an haha 😀

Tolles Projekt und spannender Vortrag! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.