Das Kettenkarussell

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Ein Gedicht über die Stadt von Marc-Uwe Kling

„Hallo! Bin wieder da“, sage ich und winke kurz in die Küche hinein, bevor ich Gitarre und Rucksack in meinem Schlafzimmer ablege.
„Warst du weg“, fragt das Känguru.
„Fast zwei Wochen!“, sage ich empört.
Ich setze mich zum Känguru an den Kaffeetisch.
„War auf Tour“, sage ich. „Ach so“, sagt das Känguru.
„Interessiert dich gar nicht, wie es war?“, frage ich.
„Wie war´s?“, fragt das Känguru und blickt endlich von der Zeitung hoch.
„Langweilig“, sage ich.
„Oh. Dann erzähl doch bitte davon.“ (...)
„Interessiert dich gar nicht, wo ich war?“
„Wo warst du?“
„Ich habe ein Gedicht über die Bahnreise geschrieben.
Hör’s dir an, und dann rate, von wo nach wo ich gefahren bin.“
Ich deklamiere:

Das Kettenkarussel

Durch die Innenstadt zum Bahnhof vorbei an
H&M und C&A
dm und Nanu-Nana
Mr. Clou, Ditsch, Cinemax
O2, Plus, e-plus, Starbucks
Rossmann, Ihr Platz und Aldi
Dunkin´ Donuts und Esprit
Sparkasse, Lidl, Deutsche Bank
Und daneben ein letzter Punk
Le Crobag, Wiener Feinbäcker
McDonalds, Tschibo, Hertie, Schlecker

rein in den Zug

Windkraftwerk, Windkraftwerk, Windkraftwerk
Schallschutzmauer, Schallschutzmauer,
Windkraftwerk, Windkraftwerk
Tunnel, Tunnel, Tunnel, Tunnel
Windkraftwerk

… raus aus dem Zug vorbei an

H&M und C&A
Schlecker und Nanu-Nana
Mr. Cloud, Ditsch, Cinemax
O2, Schlecker, Plus, Starbucks
Rossmann, Ihr Platz und Aldi
Schlecker, Schlecker und Esprit
Le Crobag, Wiener Feinbäcker
Schlecker, Schlecker, Schlecker, Schlecker

Ja, in der freien Marktwirtschaft,
da kann man frei wählen.
Und wenn einer eine Reise tut,
dann kann er was erzählen.

„Fröhlich und mit unserem Segen, lassen wir uns in Ketten legen …“, murmelt das Känguru.

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