growing into the future

4

Gehen wir auf die Titelseite einer beliebigen Nachrichtenagentur, so drängen eine Vielzahl verschiedenster Themen gleichzeitig in unser Sichtfeld: der Klimawandel, die Pandemie, die soziale Ungerechtigkeit, die Umweltzerstörung... Die moderne Menschheit ist vor eine Vielzahl Probleme gestellt. Diese sind teils direkte Auswirkungen des rasanten Wachstums Menschlicher Systeme während der letzten 200 Jahre.

_______
Natürliche Systeme hingegen existieren bereits seit einer um ein Vielfaches längeren Zeit ohne vergleichbare Probleme zu generieren. Daher drängt sich eine genauere Betrachtung ihrer Funktionsweise auf. Die Frage stellt sich, was kann man von der Natur als Lösungsansätze für die Probleme aus den Menschlichen Verhaltensweisen übernehmen?

_______
Im Abgleich mit der Funktionsweise von Natürlichen Systemen kann man einige Lösungsansätze aus der Gegenüberstellung der beiden Systeme gewinnen. Die resultierenden Überlegungen habe ich versucht anhand eines Ausstellungskonzepts greifbar und nachvollziehbar machen.

Menschliches Wachstum
Ausmaß und Auswirkungen
____________________________

Es gibt einen Rahmen des Möglichen, in dem Leben erblühen kann. Wir Menschen brauchen beispielsweise ein stabiles Klima, um existieren zu können. Damit dies möglich bleibt, sollten unsere Systeme ihre Nischen nicht überstrapazieren. Das bedeutet, dass keine Grenzen überschritten werden dürfen und die Nährstoffe erhalten bleiben, damit nicht nur wir, sondern auch die Generationen und Organismen nach uns eine Lebensgrundlage haben. Seit einigen Generationen jedoch lebt die Menschheit weit über ihre Verhältnisse. Die Menge an Abgasen, an Müll, an Pestiziden, an aus der Erde extrahierten Ressourcen, ... – kurz die Menge an fast allem wächst kaum kontrollierbar an. Diese Art zu handeln hat katastrophale Folgen, da sie nicht nur unseres, sondern auch, die uns umgebenden Systeme zerstört. Diese Krise hat bereits begonnen, mehr noch sie wird sich zunehmend noch verstärken.

Vorhang als Ganzes

Detailaufnahme Vorhang

Die Diagramme verdeutlichen die Absolutheit der Auswirkungen Menschlichen Wachstums. Als Verdeutlichung der Zerstörungskraft habe ich sie auf Baumwollstoff eingebrannt. Um die Auswirkungen auch emotional greifbarer zu machen werden zusätzlich Naturaufnahmen und Ausschnitten aus Nachrichtensendungen der letzten Jahren auf den Stoff projiziert. Auch das Audio verdeutlicht durch eine Kakophonie an vielstimmigen, mehrsprachigen Überlagerungen der Nachrichtensendungen das Chaos der Folgen des Menschlichen Wachstums.

Projektion auf Vorhang

Projektion auf Vorhang

Projektion auf Vorhang

Typ I
Schnelllebig und Vergänglich
_______________________________

Typ I beschreibt Organismen aus der Pionier Nische. Fällt beispielsweise ein Baum um, so dringen sofort kleine Pflanzen in das Gebiet vor und überwuchern schnell alles. Typ I sind die Gräser und Blumen, die versuchen so schnell wie möglich die vorgefundenen Nährstoffe in neue Pflanzen umzuwandeln, bevor ihnen von größeren Pflanzen das Licht genommen wird. Diese Organismen sind einjährig wachsende Pflanzen, das bedeutet ihr gesamter Lebenszyklus, vom Keimen bis zur Produktion eigener Samen, findet während einer Vegetationsperiode statt. Sie brauche keine großen Wurzelsysteme und Nährstoffkreisläufe aufzubauen, da es zunächst genug Ressourcen gibt. So entsteht nur ein sehr geringer Informationsaustausch mit ihrer Umgebung. Totes Material spielt kaum eine Rolle, ihre Muster sind einfach, ihre biochemische Diversität begrenzt. Sie produzieren eine große Anzahl an Samen, die jeweils nur eine recht geringe Überlebenswahrscheinlichkeit haben, der Fokus liegt auf Quantität. Das Überleben der Art funktioniert nur durch das Besiedeln immer neuer Flächen.

Die Systeme des modernen Menschen haben starke Ähnlichkeit mit einem Typ I Organismus.

Typ I Rampe

Typ I Rampe

Typ I Rampe

Typ I Rampe

Typ I Rampe Seerosen

Typ II
Kreisläufe und Suffizienz
__________________________

Die nächste Stufe bilden die Typ II-Organismen. Sie sind bereits für längere Lebenszyklen geschaffen. Pflanzen, wie Büsche und Sträucher haben Wurzeln, die es ihnen erlauben tiefer nach Wasser und Nährstoffen zu suchen. Sie werden daher größer als Typ I-Organismen und brauchen mehrere Jahre bis sie herangewachsen sind. Büsche und Sträucher lagern Nährstoffe in ihrem Gewebe ein, um in kargen Zeiten von diesen Reserven zehren zu können. Durch Veränderungen in ihrer Struktur können sie sogar kalte Winter überleben. Im Frühjahr bauen sie dann auf der Struktur des Vorjahres auf und sprießen schneller als andere Pflanzen. Innerhalb eines Typ II-Organismus gibt es viele verschiedene Kompetenzen, wobei viele Aufgaben auch mehrfach verteilt werden, um eine größere Überlebenschance zu sichern. Die einzelnen Elemente sind für das Multifunktionale geschaffen, ihre Zusammensetzungen, Wachstumszyklen und Fähigkeiten unterscheiden sich dabei so, dass sie präzise auf ihre Aufgabe angepasst sind. Jedes Blatt einer Pflanze ist in seiner Form und Position so gewachsen, dass es individuell das beste Ergebnis mit dem geringsten Ressourcenaufwand erreicht. Auch im Nachhinein können Struktur und Ausrichtung noch verändert werden.

Um dabei auf das Nährstoffvorkommen abgestimmt zu reagieren und innerhalb ihrer natürlichen Barrieren zu bleiben, steht die Pflanze in engen Informationsaustausch mit ihrer Umgebung. So können Wurzeln beispielsweise die Trockenheit und Temperatur des sie umgebenden Bodens erkennen und diese Informationen an andere Bereiche der Pflanze weitergeben.

Um die einzelnen Komponenten einer Pflanze erklären zu können ohne vom Systemcharakter des Ganzen abzulenken, habe ich die Elemente auf Glas gedruckt. Hintereinander gestellt, wird so die Pflanze als Ganzes sichtbar. Die Konstruktion des Schieberegals erlaubt es jedoch auch die Platten einzelne herauszuziehen und zu betrachten.

Typ II Regal

Typ II Regal

Typ II Regal

Typ II Regal

Typ II Regal

Typ II Regal

Typ III
Kooperation und Informationsaustausch
__________________________________________

Typ III-Organismen sind natürlichen Gemeinschaften, die über lange Zeit an Ort und Stelle verweilen können. Sie leben in Nachhaltigkeit und entziehen ihrer Umgebung nie mehr als sie regenerieren können, so bleibt der Nährstoffhaushalt konstant und die Pflanzen und andere Organismen können über große Zeiträume hinweg überleben. Ein Beispiel sind Wälder. Wie in einer einzelnen Pflanze, so funktioniert auch das System des Waldes als ganzes nur durch das Zusammenspiel vieler einzelnen Teile. Tausende Spezialisten bevölkern die verschiedenen Nischen und sichern so einen geschlossenen Nährstoffkreislauf. Diese große Diversität sorgt für eine hohe Widerstandskraft des Systems. Es gibt kein einzelnes schwaches Glied, sondern alle Organismen agieren in einem riesigen dezentralisierten und teils präzisen redundanten Netzwerk miteinander. Das gesamte System ist untereinander verbunden. So kommunizieren nicht nur die Wurzeln und Blätter eines Baumes, sondern, unterstützt von Pilzgeflechten auch verschiedene Bäume miteinander. Durch unterschiedliche Botenstoffe in der Luft und den Wurzelnetzwerken kommunizieren die Organismen und können Nährstoffe und Informationen untereinander austauschen und sich an veränderte Umwelteinflüsse anpassen.

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Typ III Netz

Die Neugierde und das Entdecken des Betrachters sollte zunächst nicht durch eine betitelnde Ebene eingeschränkt werden und so gibt es erst am Ende der Ausstellung ein Plakat, das die einzelnen Stationen nähergehend beschreibt und den Hintergrund für meine Überlegungen zum Thema Wachstum liefert.

Abschließend kann man sagen, dass die Verhaltensweisen der Menschheit in den letzten 200 Jahren die Ökosysteme des Planeten kurz vor den Kollaps gebracht haben. Um langfristig überleben zu können, müssen wir Menschen erkennen, dass wir Teil der Systeme der Natur sind. Auswirkungen auf die Ökosysteme um uns herum, werden auch zwangsläufig Auswirkungen auf uns haben. Daher ist es an der Zeit den Blickwinkel zu ändern, von denen zu lernen, die auf diesem Planeten schon bedeutend länger existieren als wir Menschen und unsern Platz in der Nische einzunehmen.

Symbiose Plakat

Die Existenz in der Nische sollte keinesfalls als Einschränkung verstanden werden, vielmehr eröffnet es Möglichkeiten zur völligen Neugestaltung unserer Systeme. Wie können wir Biologie und Technologie, Natur und Kultur sowie das Gewachsene und Gemachte miteinander verbinden? Wie können wir Dinge gestalten, die nicht nur unschädlich für die Natur sind, sondern diese vielleicht sogar inkorporieren oder in Symbiose mit ihr zusammenleben?

Wir müssen Prozesse gestalten, die der natürlichen Selektion gleich Massenanpassungen generieren, vielleicht sogar die Arbeit von Menschen und Maschine, durch die von biologischen Organismen oder Systemen ersetzten können. Das Ziel ist der Aufbau von autonomen, dezentralen Lösungen, die sich selbstständig zu eigenen Ökosystemen zusammensetzen. Systeme, die sich nach dem Vorbild der Natur, eigenständig versorgen, regulieren und regenerieren können. Wir müssen beginnen nicht nur einzelne Produkte, sondern Prozesse und ganze Systeme zu gestalten, die funktional ununterscheidbar von der natürlichen Welt zu sind. Nur so haben wir die Möglichkeit über lange Zeit auf diesem Planeten zu überleben.

Symbiose Plakat

4 Kommentare

Macht etwas nachdenklich, aber sehr schön realisiert und erklärt.

Hervorragende Ausarbeitung eines der wichtigsten Themen der Gegenwart. Sehr abwechselungsreich.

Tolles Projekt, beeindruckende Visuals, I like 💪🏻

Hut ab Mucki, das ist einfach alles von vorne bis hinten fett

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.