Junges Blut

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Um sich dennoch Gehör zu verschaffen, schließen sich engagierte Jugendliche in Jugendbewegungen zusammen und gehen gemeinsam auf die Straßen. Anders als frühere Jugendbewegungen, wie die Punks oder Achtundsechziger, sind sie weniger durch einen einheitlichen Kleidungsstil erkennbar. Vielmehr konzentrieren sie sich auf gemeinsame Inhalte. Die Geschichte der politischen Mode ist eine lange und das Tragen von Kleidung impliziert nahezu immer eine bestimmte Außenwirkung. Den Zwiespalt der Jugendlichen zwischen Selbstverwirklichung und der Suche nach einem neuen Wir-Gefühl möchte ich in meinem Projekt aufgreifen.

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit entstanden acht Outfits zu aktuellen politischen Aussagen und ein zugehöriges Lookbook. Die Arbeit konzentriert sich auf die derzeit polarisierende Jugendbewegung „Fridays for Future“.

betreut von Prof. Christoph Barth

Junges Blut Altersverteilung

Junges Blut Altersverteilung

Altersverteilung

Das abgebildete Outfit stellt die Altersverteilung in Deutschland dar. 76 % aller deutschen Bürger:innen sind über 25 Jahre alt (dargestellt durch weißen Stoff) und nur 24 % sind jünger (dargestellt durch beigen Stoff). Das Outfit kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden, wobei die andere Farbe komplett aus dem Sichtfeld verschwindet, denn jede Entscheidung hat zwei Seiten oder Betrachtungsweisen. Die Beweglichkeit des Stoffs zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen Alt und Jung sind. Die prozentuale Stoffverteilung stimmt mit den Umfragewerten überein.

Politikverdrossenheit

Das hier gezeigte Outfit stellt die Politikverdrossenheit junger Menschen in Deutschland nach Umfragen der Shell Jugendstudie 2019 dar. 71 % der Befragten stimmten der Aussage: „Politiker:innen kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken“ zu (weiß) und nur 27% widersprachen ihr (beige). 2 % machten keine Angabe (grau). Die verschiedenen Stofffarben und die asymmetrischen Linien symbolisieren die Zerrissenheit und Verunsicherung der Jugendlichen. Dieser Desorientierung kann mit politischer Bildung und Aufklärung entgegengewirkt werden.

Einheitsbrei

Viele deutsche Politiker:innen sind weiß, männlich und vor allem alt. So sind von den 709 Bundestagsabgeordneten im Jahr 2021 nur 223 Frauen, wohingegen 485 Männer sind. Nur 58 aller Abgeordneten haben einen Migrationsbezug. Der Print der Jacke zeigt diesen „Einheitsbrei“. Um die Problematik der fehlenden Diversität offensichtlich zu machen, entwarf ich eine Collage aus aktuellen deutschen Politkern. Deutlich werden soll die Einheitlichkeit und die dadurch entstehende eindimensionale Sicht. In Diskussionsrunden mit Politiker:innen fällt unter anderem auf, dass selten konkrete Zusagen getroffen und Projekte in die Hand genommen werden. Versprechen bleiben oft leer. Das führt zu einem zunehmenden Vertrauensverlust und zu Frustration unter Jugendliche. Diese fühlen sich nicht ernst genommen.

Forderungen

Nur wenige kennen die knapp und präzise formulierten Anweisungen, die das Erreichen des 1,5° C-Ziels ermöglichen sollen. Dieses Outfit kommuniziert diese direkt und ohne Umschweife. Anders als es sonst wahrgenommen wird, treten die lauten Demonstrationen in den Hintergrund, indem Bilder von diesen hinter der Beschriftung angebracht wurden. Das Unpräzise der genähten Typografie und die offenen Kanten der aufgenähten Fotografien sollen optisch an Protestoutfits der Punk-Bewegung erinnern, die ihre revolutionären Ideen zum Teil auch offen auf ihrer Bekleidung präsentierten.

Rückgrat

Beim laut „Fridays for Future“ größten Klimastreik der Geschichte am 20. September 2019 nahmen ca. 1,4 Millionen Menschen in 575 Orten und Städten in Deutschland teil. (Vgl. fridaysforfuture.de). Auf der Website finden sich, Stand Mai 2021, 675 aktive Ortsgruppen. Sie bilden das Rückgrat dieser Bewegung und sorgen für eine flächendeckende Organisation. Schreibt man alle Orte unter-einander entsteht auch optisch eine Art Wirbelsäule. Als solche stelle ich sie in meinem Projekt auch dar. Auf einem schlichten weißen T-Shirt-Kleid ist eine Liste dieser auf der Rückseite angebracht. Diese wurde auf Stoff gedruckt und anschließend auf das Kleid genäht.

Stimmen

Man kann die Jugendlichen in unserer Gesellschaft nur verstehen, wenn man ihnen zuhört. Um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen, sammelte ich einige und erstellte daraus eine Collage. Diese ist absichtlich laut und durcheinander, denn die Stimmen der Jugendlichen sind nicht leise. Auch gehen nicht alle Wünsche und Meinungen in die gleiche Richtung, denn denn nur weil die Jugendlichen Teil einer Generation sind, denken und fühlen sie auch gleich. Im Gegenteil, hier gibt es enorme Unterschiede.

Shitstorm

Die Anonymität des Internets scheint Menschen das Gefühl zu geben, alles sagen zu dürfen. Bei meiner Recherche stieß ich auf unter anderem auf an Jugendliche gerichtete "Hate Speech" in den sozialen Netzwerken. Während die Mitglieder von "Fridays for Future" hier mit wissenschaftlich fundierten Quellen argumentieren, reagieren die Gegner oft mit Beleidigungen. Um diesem anonymen Hass etwas Menschlichkeit zurückzugeben, entwarf ich eine Collage aus echten "Hate Speech"-Tweets. Dadurch hole ich die Diskussionen in die reale Welt. Durch das Tragen des Kleides werden die Tweets plötzlich persönlich.

Getting Wet

Eine der konkreten Bedrohungen, die auf die Menschheit zukommen werden, ist der seit Beginn des 20. Jahrhunderts steigende Meeresspiegel. Zwischen 2006 und 2015 stieg dieser jährlich um rund 3,6 Millimeter an. Das geschieht vor allem durch die schmelzenden Gletscher und Eisschilde. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts geht man von einem Anstieg von 43 bis 84 Zentimetern aus. Unser heutiges Handeln kann dies noch abmildern, auch wenn die Meeresspiegel in den nächsten Jahrhunderten vorerst unaufhaltsam weiter steigen werden. Auf der Hose dieses Outfits findet sich der steigende Meeresspiegel in Form eines Diagramms wieder. Auf der Innenseite des Oberteils ist der Brief der „Scientists4Future“ angebracht. Der Regenmantel darüber, mit dem Spruch „Getting Wet“, ist hingegen ein Hinweis auf den dennoch humorvollen Umgang der Jugend mit dem Thema bei den Demonstrationen.

Loobook

Das Lookbook, das unter anderem als Ausstellungskatalog funktioniert, umfasst 106 Seiten, die lose durch eine Ringbindung miteinander verbunden wurden. Die Seiten haben drei verschiedene Formate, was das Erscheinungsbild einer offenen Sammlung unterstützen soll. Ebenso wurden verschiedene Papiere für die einzelnen Kapitel verwendet. Es beginnt mit einem theoretischen Teil, der die Hintergründe in Form eines Textes erklärt. Hinter dem Text liegen Bilder von Demonstrationen aktueller Jugendbewegungen, aber auch Historischer. Die darauf folgenden Seiten zeigen Listen des Alters der Bevölkerung verschiedener Länder und der amtierenden Bundestagsabgeordneten in Deutschland. Zusätzlich gibt es eine Liste der Ortsgruppen von „Fridays for Future“. Nachstehend finden sich farbige Seiten mit Infografiken und deren Beschreibung. Diese können aus dem Buch herausgenommen werden und funktionieren auch ohne den Zusammenhang.

Auf die theoretischen Inhalte folgen alle Skizzen und Entwürfe der Kleidung kombiniert mit Stoffproben, die auf Transparentpapier genäht wurden. Alle Outfits werden dargestellt und die inhaltliche Ebene beschrieben. Die Skizzen sind auf ein offenes Skizzenpapier gedruckt. Für das Lookbook wurden alle Outfits an einem weiblichen Model der Generation Z fotografiert.

Ausstellungskonzept

Die Kleidung wird nicht auf einem Laufsteg oder an Modepuppen präsentiert, sondern in Form einer Ausstellung. Die Einzelteile werden wie Kunstwerke flach an der Wand inszeniert und verlieren so ihren Gebrauchscharakter. Dies bietet die Möglichkeit die Inhalte optimal zu erfassen. Auch kann die Kollektion auf diese Weise als Gesamtbild wirken.

Zu jedem Outfit gibt es zusätzlich ein kurzes Video, das dieses jeweils getragen von einem Model aus allen Perspektiven zeigt. Dieses kann über einen QR-Code neben dem Outfit direkt auf dem eigenen Smartphone abgerufen werden.

Blickt man in die Vergangenheit, scheint der Konflikt zwischen Alt und Jung ein bekanntes Problem zu sein. Es ist überliefert, dass schon gesagt haben soll: »Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.« (Sokrates, 470-399 v. Chr.). Ob dies tatsächlich so stattfand, kann nicht bewiesen werden, die Existenz eines fortwährenden Generationenkonflikts hingegen ist dennoch offensichtlich. Doch würde die Menschheit wirklich mit jeder Generation fauler und egoistischer werden, wo wären wir dann heute?

4 Kommentare

Richtig toll Annika! I love it <3

So schön! Finde richtig toll 🙂

🔥🔥🔥🔥🔥

spannender Ansatz und eine super Umsetzung! würde dir immer noch sehr gerne einige teile abkaufen :–)

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