Kurzgeschichte – vorbei getextet

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Ein neuer Job, zwei beste Freunde und eine vermeintlich unüberbrückbare Distanz.
Entstanden ist eine Kurzgeschichte über Freundschaft und die Tücken digitaler Kommunikation.

12. Juni, Freitag
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20:34 Noah
Hey, und bist du gut angekommen? ☺️

-Du hättest dich nach fast einem ganzen Tag mal melden können. Ich mache mir inzwischen schon fast Sorgen. Nein, stopp! Übertreibe nicht. Es ist ihr erster Tag in der neuen Wohnung, in der neuen Stadt, in ihrem neuen Leben. Sie braucht nur etwas Zeit um sich einzugewöhnen. Das ist völlig normal.

-So ganz eilig hat sie es wohl auch nicht mit dem zurückschreiben. Was sie wohl gerade macht?

23:18 Emilia
Hiii Noah 😊 Ja, ich bin seit gestern Abend hier und ich kann dir nur sagen: Das wird so gut hier!😍

-Beinahe ein Tag bin ich hier und ich muss mir eingestehen es ist alles etwas viel. Als ich mein Handy hell aufblinken sah, wusste ich sofort, dass die Nachricht von ihm sein wird. Sofort zurückschreiben konnte ich einfach nicht. Kontakt mit Noah fällt mir gerade so schwer wie noch nie zuvor. Dabei erzähle ich ihm sonst immer alles -sofort. Klar, es war meine Entscheidung diesen Schritt zu gehen. Mich für diese unfassbare berufliche Chance zu entscheiden und in eine neue hunderte Kilometer entfernte Stadt zu ziehen. Alles andere hinter mir zu lassen und quasi neu anzufangen, obwohl ich einen Neuanfang gar nicht brauche oder möchte. Aber dieses Gefühl wird sich bestimmt bald legen. Ich muss mich hier nur etwas einleben, neue Leute kennenlernen und schaffe es sicherlich auch mit meinen Liebsten Kontakt zu halten, vor allem mit Noah. Das wird schon alles!

23:31 Noah
Super, das freut mich 😊 Erzähl mir alles: Wie ist die Stadt, die Wohnung und ist der Vermieter wirklich so „schnucklig“ wie auf den Bildern? 😁

-Gut, sie lebt noch. Sie hat sich aber echt Zeit gelassen mit dem Zurückschreiben. Aber was soll’s, es scheint ihr wohl sehr gut zu gefallen. Das freut mich für sie -echt. Zumindest versuche ich mich für sie zu freuen. Die Entscheidung ist ihr schließlich nicht leicht gefallen und es war ein großes Risiko das sie mit dem Umzug eingegangen ist. Sich einfach so von der Familie und Freunden abzukapseln und ja, im Prinzip neu anzufangen verlangt Mut. Manche würden vielleicht sogar sagen, Wahnsinn. Aber so wie ich sie kenne wird sie sich schnell einleben und dann sind wir alle schnell vergessen und das war’s dann mit 25 Jahren beste Freunde… Okay, vielleicht sollte ich nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen. Wer weiß wie lange sie wirklich dort bleiben wird. Der Vertrag ist befristet für ein Jahr. Das werden wir schon hinbekommen, auch wenn sie mir jetzt schon fehlt.

13.Juni, Samstag
10:05 Emilia
Die Stadt ist echt super schön 😍 Gestern habe ich direkt das Viertel ausgekundschaftet und die Wohnung: wie auf den Bildern -ein Traum!

-An den Vermieter habe ich gar nicht mehr gedacht. Als ich das Angebot für die Wohnung bekam hatten wir darüber gescherzt, dass ich mit der Wohnung gleich einen neuen festen Freund dazubekomme. Denn ja, er würde tatsächlich perfekt in mein übliches Beuteschema passen. Doch als ich gestern an der Tür zu meiner neuen Wohnung stand, er mir die Wohnung zeigte und die Schlüssel überreichte, hatte ich keinen Gedanken für so etwas übrig. Ich konnte nur an Zuhause denken. Aber das kann ich Noah einfach nicht sagen. Ich möchte nicht, dass er sich Sorgen macht. Was soll ich antworten? „Er ist super heiß, aber eigentlich will ich nur wieder nach Hause, mich unter einer Decke verkriechen und erst ein Jahr später wieder rauskommen?“ Sicher nicht. Ich bin eine unabhängige, starke Frau und ich bekomme das hin! Alleine.

12:36 Noah
Klasse, sowas hört man doch gerne 🙂

Es scheint ja alles super zu laufen bei ihr. Freut mich - wirklich. Ich versuche es zumindest. Gerne würde ich noch so viel mehr fragen und erfahren, aber drängen möchte ich sie auch nicht. Sie soll erstmal Fuß fassen und dann können wir das alles auch noch später nachholen. Sie erzählt mir alles sobald sie Zeit hat und bereit dafür ist. Um ehrlich zu sein hätte es mich aber schon gefreut, wenn sie mich auch mal gefragt hätte was bei mir gerade so passiert. Schließlich hatte ich diese Woche meine letzte Untersuchung. Aber ich kann es auch verstehen, ihr muss gerade sehr viel durch den Kopf gehen. Nur warum hat sie meine Frage nach dem Vermieter völlig ignoriert? Ich dachte wir erzählen uns alles. Dafür gibt es nur diesen traurigen Lachsmiley. Vielleicht kann ich auf diese Art unterschwellig vermitteln, dass ich mich etwas vernachlässigt - alleine - fühle. Etwas zu dramatisch? Vielleicht. Aber das muss jetzt einfach sein.

Es ist schon 23 Uhr und noch kein Wort von ihr. Wow.

14.Juni, Sonntag
09:44 Emilia
Hey, sorry, dass ich mich erst jetzt melde 😬 Wurde gestern von ein paar der Nachbarn zum Grillen eingeladen. Der Abend ging noch etwas länger. Sie sind echt super nett! Was gibt es bei dir Neues?

- Mir fällt es so schwer mit Noah zu schreiben. Ich vermisse ihn, unsere Freundschaft. Die unbeschwerten Tage und Abende. Zusammen quatsch machen, reden bis wir vor Müdigkeit die Augen beinahe nicht mehr offen halten können. Die Spontaneität, die Freiheit. War es diese Stelle wirklich wert eine so besondere Beziehung auf’s Spiel zu setzen?
- - -
Heute ist mein erster Tag im neuen Job. Bisher noch keine Nachricht von Noah. Das ist ungewöhnlich. Das muss ich jetzt beiseite schieben. Heute muss ich klar und fokussiert denken. Der erste Eindruck bei den Kollegen muss stimmen.

15.Juni, Montag
10:46 Noah
Alles gut, kann man schon verstehen🙂Bei mir gibt es gar nicht so viel Neues, alles beim Alten.

- So, lange genug gewartet. Mehr als 24 Stunden sind vorbei, jetzt kann ich schreiben.
Solche Spielchen kenne ich so gar nicht von mir. Meine Nachrichten absichtlich so zu schreiben, dass sie hoffentlich von selbst darauf kommt was los ist. Warum kann ich Emilia nicht einfach sagen was sich in mir abspielt? Die beinahe lähmende Angst davor meine einzige beste Freundin an die Distanz zu verlieren. Allein der Gedanke daran, dass wir uns auseinanderleben, uns nichts mehr zu sagen haben, uns irgendwann nicht mehr erkennen lässt meinen gesamten Körper so viel schwerer werden. Ist meine Angst unbegründet?

18:03 Emilia
Achso okay. 🙂

- Ich erkenne ihn gar nicht wieder. Hat er innerhalb von vier Tagen schon mit mir und unserer Freundschaft abgeschlossen? So selten meldet er sich sonst nie und zu erzählen hat er immer etwas.

-1 Monat später-
22.Juli, Mittwoch

23:17 Noah
Hey, schon über einen Monat nichts mehr von dir gehört. Wie ergeht es dir so in der neuen Heimat?

-Ich wusste einfach nicht was ich auf ihre Nachricht hätte schreiben sollen. „Achso okay.“, was bitte soll man darauf schreiben? Lange habe ich nachgedacht, zu keinem Entschluss bin ich gekommen. Es vergingen Stunden, es vergingen Tage und irgendwann habe ich vergessen, oder wohl eher verdrängt, zurückzuschreiben. Der Versuch mich auf mein Leben hier zu konzentrieren, auf die Menschen die tatsächlich noch bei mir sind, hat wohl besser geklappt als ich das wollte. Niemals hätte ich gedacht, dass auch nur ein Tag vergehen würde an dem Emilia und ich nicht wenigstens irgendeine Art Lebenszeichen von uns geben. Aber die Zeiten ändern sich wohl. Nichts desto trotz ist kein Tag vergangen an dem ich mich nicht gefragt habe was bei ihr gerade los ist. Ob es ihr in der neuen Stadt gefällt, ob sie neue Freunde gefunden hat, ob der Job so gut ist wie sie es sich erhofft hat. Zum Schreiben konnte ich mich dennoch nicht überwinden. Immer dieses Ego. Immer diese Angst - Angst vor Zurückweisung. Gestern bin ich an unserem Lieblingsplatz am Hafen vorbeigelaufen, wurde erinnert an die vielen tollen Momente und Gespräche die wir dort hatten. Es hat zwar bis jetzt gedauert, dass ich wusste wie ich mich nach so langer Zeit, aus quasi heiterem Himmel, wieder melden soll, aber ich habe es geschafft, das zählt erstmal. Jetzt heißt es abwarten. Wie wird sie reagieren? Ist sie sauer auf mich? Hat sie gar nicht bemerkt, dass wir schon so lange keinen Kontakt mehr hatten? Ehrlich gesagt weiß ich nicht welche Alternative schlimmer wäre.

Zum Schreiben konnte ich mich dennoch nicht überwinden. Immer dieses Ego. Immer diese Angst - Angst vor Zurückweisung. Gestern bin ich an unserem Lieblingsplatz am Hafen vorbeigelaufen, wurde erinnert an die vielen tollen Momente und Gespräche die wir dort hatten. Es hat zwar bis jetzt gedauert, dass ich wusste wie ich mich nach so langer Zeit, aus quasi heiterem Himmel, wieder melden soll, aber ich habe es geschafft, das zählt erstmal. Jetzt heißt es abwarten. Wie wird sie reagieren? Ist sie sauer auf mich? Hat sie gar nicht bemerkt, dass wir schon so lange keinen Kontakt mehr hatten? Ehrlich gesagt weiß ich nicht welche Alternative schlimmer wäre.

23.Juli, Donnerstag
19:27 Emilia
Hallo Fremder, ist schon echt lange her, das stimmt. Mir geht es gut soweit, habe hier inzwischen viele neue Leute kennengelernt und genieße das Großstadtleben. Wie ist es dir so ergangen?

- Wow, diese Nachricht kommt unerwartet. Aber ich freue mich - schätze ich. Ich bin verwirrt und muss nachdenken bevor ich ihm schreiben kann.
Dass er nichts von mir gehört hat liegt wohl daran, dass er nicht mehr zurückgeschrieben hat. Aber um ehrlich zu sein hätte ich auch nachhaken können. Fragen was bei ihm los ist, warum er sich nicht meldet. Doch um ehrlich zu sein war es mir auf irgendeine Weise sogar Recht, dass er sich nicht mehr gemeldet hat. Ich habe regelrecht gespürt wie wir uns mehr und mehr weniger zu sagen hatten. Es hat weh getan. In diesem Fall fand ich die Funkstille wesentlich erträglicher. Diese konnte ich zumindest versuchen auszublenden. Es war ein gleichmäßiger Schmerz, kein tiefes Stechen in der Brust jedes Mal wenn eine neue Nachricht von Noah eintrifft.

Das „Kling“ meines Handys wurde regelrecht zum Folterinstrument für mich. Aber mir ist auch bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Früher oder später hätte ich mich bei ihm gemeldet - denke ich. Dem Neuanfang hier in meiner „neuen Heimat“ wie er es nennt, wollte ich jedoch auch eine Chance geben und der fällt mir zunehmend schwer, wenn ich meinen besten Freund so stark vermisse. Ich fühle mich Hin und Hergerissen. Ich will hier ein neues Kapitel mit dem neun Job starten, aber verlieren will ich ihn auch nicht. Wer weiß wie lange ich wirklich hier sein werde und auch Heimat fühlt es sich sicherlich auch nicht an. Ich fühle mich hier eher total Fehl am Platz. Wenn ich in einem Jahr nach Hause komme und mich niemand dort erwartet, war es das wert? Denn wenn es so weiter geht, dann werden wir uns komplett verlieren.

20:58 Noah
Das freut mich echt für dich! Mir geht es hier soweit auch ganz gut, ist aber alles noch beim alten hier. Weißt doch, hier in der Provinz passiert im Normalfall nicht so viel.

- Sie hat zurückgeschrieben, das ist schonmal gut. Ein bisschen überlegen muss ich dennoch. Was will ich ihr antworten?
Nichts wünsche ich mir mehr als dass ich ihr erklären kann wie ich mich momentan fühle. Doch habe ich ein Recht dazu? Vermiese ich ihr damit nicht ihr neues Leben? Eine Last möchte ich sicherlich nicht für sie sein, dann lieber gar kein Teil ihres Lebens. Niemals hätte ich gedacht, dass es so schnell gehen würde. Es ist erst ein Monat vergangen und ich habe bereits das Gefühl mit einer Fremden zu schreiben. Wenn es so weiter geht, dann werden wir uns komplett verlieren.

21:09 Lust ein wenig zu telefonieren?

-Es hilft alles nichts. Wenn ich weiter alles in mich hineinfresse platze ich bald. Ich muss ihr einfach sagen was in mir vorgeht. Dann wird sich entscheiden wie es mit uns beiden weitergeht. Wenn ich mir einer Sache immer sicher sein konnte, dann unserer Freundschaft. Doch jetzt gerade zweifle ich an dieser am meisten. Falls wir heute noch telefonieren befürchte ich, wird sich entscheiden wie das nächste Jahr ablaufen wird. Werden wir uns komplett aus den Augen verlieren, was vermutlich das Ende unser Freundschaft, so wie sie war, wäre oder schaffen wir es. Reißen wir uns zusammen und retten sie. Ich weiß nur eins: ich vermisse sie und das Ende unserer Freundschaft würde mich in ein tiefes, dunkles Loch katapultieren.

21:15 Emilia
Gerne, rufst du an?

Telefonieren. Eine gute Idee. Ich habe Angst. Warum will er telefonieren? Will er unsere Freundschaft beenden? Hat er genug davon? Sieht er keine Zukunft mehr? Aber es ist doch nur ein Jahr - höchstens. Das geht schneller vorbei als man denkt, sagt man so schön. Ach, ich weiß auch nicht. Hätte ich doch nur nicht diesen Job angenommen. Inzwischen bin ich mir nämlich nicht mehr so sicher, ob er das alles wert ist.

24.Juli, Freitag
07:32 Noah
Danke, dass wir gestern telefoniert haben. Es hat so gut getan wieder mit dir zu reden 😊Wir hätten schon viel früher sagen sollen was in uns vorgeht, dann wäre es vielleicht gar nicht soweit gekommen. Aber wir haben ja gerade noch so die Kurve bekommen. Und wie wir ausgemacht haben: keine Erwartungen, keine Verpflichtungen. In einem Jahr ziehst du wieder in die Heimat und dann wird es so sein als wäre kein Tag vergangen. Wünsche dir heute einen erfolgreichen Arbeitstag ☺️

- Für meine Verhältnisse klinge ich wirklich sehr optimistisch. Aber nach unserem gestrigen Telefonat bin ich auch wirklich positiv gestimmt. Wir haben uns ausgesprochen, jeder hat gesagt was ihm im letzten Monat durch den Kopf gegangen ist und so hat sich vieles wir von ganz alleine geklärt. Das hätte wir schon viel früher machen sollen. Emilia hat mir gestern erzählt, dass sie von ihrem Arbeitgeber das Angebot bekommen hat nach dem einen Jahr die neue Zweigstelle nahe unserer Heimat zu leiten.

Sie hat zugesagt, heißt sie kommt auf jeden Fall nach Hause. Richtig gute Nachrichten sind das. Aber wir haben auch realisiert, dass wir mit dem Schreiben und selbst dem Telefonieren nicht wirklich klarkommen. Wir missverstehen uns und reden aneinander vorbei. Das macht es nur noch schwieriger. Daher unser Beschluss: Bis nächsten Juni keine Verpflichtungen, keine Erwartungen. Keiner ist sauer wenn sich der andere für längere Zeit nicht meldet. Wir wissen beide, dass wir beste Freunde sind, auch wenn wir uns nicht sehen oder nichts voneinander hören. Das schaffen wir schon - denke ich.

08:16 Emilia
Danke dir, den wünsche ich dir auch 😊 Und ja du hast Recht, das Gespräch war schon längst überfällig. Aber auf jeden Fall besser spät als nie. Freue mich auf jeden Fall schon darauf wenn es dann soweit ist. Mach’s gut!

- Das Telefonat hat gut getan. War eine gute Idee von Noah. Hätte ich auch darauf kommen können, aber was soll’s. Wir haben uns beide alles von der Seele geredet und es fühlt sich an als wäre der Schleier der im letzten Monat über mir gelegen hat endlich gelichtet worden. Es ist zwar schade, dass wir es mit dem Schreiben und Telefonieren aller Wahrscheinlichkeit nicht hinbekommen werden, einfach weil wir beide eher die persönliche Kommunikation bevorzugen, aber dafür haben wir unsere Abmachung getroffen. Ich bin optimistisch, dass das schon alles klappen wird. Wir sind seit Jahre beste Freunde, da werden wird dieses eine Jahr doch nicht allzu viel Schaden anrichten können. Nicht wahr?

Fast ein Jahr später…
26.Juni, Samstag

Noah ist gerade auf dem Weg in den Supermarkt. Morgen hat seine Mutter Geburtstag, sie wird 60. Großes Fest mit der gesamten Verwandtschaft. Er hat sich bereit erklärt die Geburtstagstorte zu backen, wofür man nicht alles Zeit findet wenn die beste Freundin ans andere Ende der Welt zieht.
Von Emilia hat Noah schon lange nichts mehr gehört, beziehungsweise auch sie nicht von ihm. Sie hatten zwar vereinbart, dass keine Verpflichtungen und Erwartungen bestehen, doch dass bereits nach weiteren 2 Monaten die totale Funkstelle eingesetzt hat, hat ihn schon etwas überrascht. Aber es ist wie es ist. Er ist sich immer noch sicher, wenn ihre Freundschaft halten soll, dann wird sie das auch. Egal wie lange sie nicht mehr voneinander gehört haben. Enttäuscht ist er trotzdem. Schließlich war er der letzte der geschrieben hat.

Emilia ist seit einer Woche wieder in der Heimat. Allmählich hat sie sämtliche Umzugskisten in der alten neuen Wohnung ausgepackt. Zum Glück konnte sie ihre Vermieterin vor einem Jahr davon überzeugen, jemanden nur zur Zwischenmiete in die Wohnung ziehen zu lassen. So fühlt sie sich jetzt immerhin etwas zu Hause. Auch wenn in der Wohnung viele Erinnerungen hochkommen. Hier hat sie mit Noah so viele lustige Abende verbracht. Auch sie ist enttäuscht. Enttäuscht, dass er nicht mal versucht hat Kontakt zu halten. Seine Nachrichten war nichts sagend, reines Geplänkel. Schließlich hatte sie sich dazu entschlossen abzuwarten, ob er sich von sich aus meldet. Doch es kam nichts. Sie war wütend, sie war enttäuscht, sie war traurig. Jetzt hat sie die Situation akzeptiert. Was sein soll, wird sein. Erzwingen kann man nichts.

„Emilia, bist du’s?“
„Hey, Noah. Wow! Du siehst so anders aus. Aber ist ja nur klar, ist ja auch schon eine ganze Weile her, dass wir uns gesehen haben.“
Die beiden sind gerade dabei sich einen Einkaufswagen zu schnappen, als sie beinahe ineinander laufen.
„Das stimmt. Du hast dich nicht mehr gemeldet. Dann bin ich davon ausgegangen, dass es so wahrscheinlich besser sein wird.“, sagt er mit zerknirschtem Gesicht und zupft sein dunkelgraues Poloshirt zurecht.
„Und ich dachte du hast mit unserer Freundschaft abgeschlossen, weil deine Nachrichten immer so kurz und emotionslos waren.“, platz es aus Emilia heraus. Die Tränen schießen ihr sofort in die Augen. Nervös tritt sie von einem Fuß auf den anderen.
Die beiden schauen sich erwartungsvoll an. Was sollen sie nur sagen? Haben sie sich noch etwas zu sagen? Die Stille hält schon viel zu lange an.

Wie vom Blitz getroffen wirft sich Noah mit dem Oberkörper nach vorne über und beginnt herzhaft zu lachen. Verwundert schaut Emilia ihn an.
„Was ist denn so lustig?“
„Die Situation, unsere Missverständnisse, einfach alles. Ich habe mir so unglaublich viele Gedanken darüber gemacht warum du dich nicht mehr gemeldet hast und die Tatsache, dass es deshalb ist, weil du dachtest ich hätte kein Interesse mehr an unserer Freundschaft finde ich einfach zu komisch. Da haben wir wohl aneinander vorbei kommuniziert.“, presst er zwischen seinen hysterischen Kreischen hervor.
Kurz denk Emilia darüber nach was Noah gesagt hat.
„Du hast so Recht, das ist zu komisch. Da ist wohl unsere Fantasie mit uns durchgegangen“, bringt sie gerade noch hervor bevor sie in Noahs Lachanfall einstimmt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit haben sich die beiden wieder soweit beruhigt, dass sie die genervte Menschentraube, welcher der Zugang zu den Einkaufswägen verwehrt blieb, bemerken.

„Upsi!“, sagen die Beide zur gleichen Zeit, grinsen sich an und müssen sich regelrecht zusammenreißen, dass sie nicht wieder in einen Lachanfall verfallen. Wie in alten Zeiten. Manchen Dingen scheint selbst die Zeit nichts anhaben zu können. Die beiden ziehen sich schließlich in eine ruhige Ecke des Supermarkt Parkplatzes zurück. „Wir hätten echt mehr oder eben besser kommunizieren sollen. Vor allem nach unserem Telefonat dachte ich, dass wir es gepackt hätten. Dann wurde es aber nur noch schlimmer.“, sagt Emilia kaum hörbar. „Du hast Recht, wir hätten das auch anders lösen können. Wenn wir beide unseren Stolz etwas weiter hinten angestellt hätten, wäre die gesamte Situation auch sicherlich nicht zum Problem geworden.“, stimmt Noah ihr mit nachdenklicher Miene zu. „Aber was passiert ist, ist passiert.“, fährt er fort, „Und jetzt können wir nur das Beste daraus machen und weitermachen. Was hältst du davon?“. „Hört sich für mich nach einem guten Plan an.“, erwidert Emilia mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und schließt ihre Arme fest um Noah. Sein Gesicht hellt auf und er erwidert die Umarmung liebevoll.

„Deine Mutter hat morgen Geburtstag, nicht wahr. Geschenk schon besorgt?“
„Wollte gerade die Zutaten für die Torte einkaufen. Kannst gerne mitkommen und wir backen zusammen, falls du Lust hast? Zur Feier eingeladen bist du natürlich auch.“
„Du und backen? Seit wann das? Aber natürlich, liebend gerne bin ich dabei“
„Tja, ich glaube wir haben viel aufzuholen. Dieses Mal ohne Missverständnisse, dafür mit einer Extraportion Humor und Sahne“
Emilia lächelt Noah an. „Das hat mir gefehlt.“
Die beiden lösen sich aus ihrer Umarmung und schnappen sich einen Einkaufswagen und verschwinden durch die Eingangstür des Supermarktes.

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