the cistem we live in

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THE CISTEM WE LIVE IN reflektiert die Geschlechterrollen und -kategorisierungen, die wir als Norm verstehen. Debatten ums Thema sorgen regelmäßig für Aufruhr: Viele Gemüter erhitzen sich, wenn das Wort „Gender“ auch nur fällt, populistische Stimmen sprechen von „Gendergaga“ oder „Genderwahnsinn“. Andererseits lässt sich auch der Status Quo, in dem das Genital als Deutungsgrundlage für Interessen, Eigenschaften und Emotionen genutzt wird, was über Spielzeug und Kleidung, gar der sexuellen Orientierung bis hin zur Berufswahl reicht, als etwas überzogen betrachten.
Vielleicht sogar als Kirmes.
Die einzelnen Objekte dienen als Startpunkt, während ein umfassender Ausstellungskatalog die Vertiefung verschiedener Aspekte ermöglicht und Hintergründe erklärt.

Wenn uns von klein auf beigebracht wird, dass alle Menschen sich in zwei Gruppen sortieren lassen – je nachdem, was sie zwischen den Beinen ha ben – formt sich dadurch ein Weltbild. Es wird zu einem Grundpfeiler dessen, wie man die Welt sieht, wie man Menschen liest und einordnet. Doch wenn man sich diesen vermeintlichen Boden der Tatsachen etwas genauer anschaut, fällt auf, wie instabil dieser doch eigentlich ist.
Identitäten abseits dieser Dichotomie werden im Diskurs oftmals als etwas „neuartiges“ oder gar als Modeerscheinung abgetan. Doch ein Blick auf die Geschichte fernab des Eurozentrismus zeigt eine lange Tradition der Geschlechtervielfalt, die sich nicht auf das Binäre beschränkt.

Im Biologieunterricht lernen die meisten von „den zwei Geschlechtern“. Auch wenn eine Person schwanger ist, lautet die erste Frage für gewöhnlich: „Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“ Allerdings ist diese Vorstellung von der klaren Trennung zweier vermeintlich gegensätzlicher Geschlechter nicht ganz richtig. Selbst das biologische Geschlecht ist eher als Spektrum zu verstehen. Die Vereinten Nationen schreiben, dass man davon ausgehe, dass bis zu 1,7% der Weltbevölkerung weder dem einen noch dem anderen eindeutig zuzuordnen seien. 1,7 Prozent – das heißt eine von 60 Personen (und entspricht ungefähr der Häufigkeit von Rothaarigen).

So genannte Gender Reveal Partys sind in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Werdende Eltern veranstalten Feiern, bei denen das Geschlecht enthüllt werden soll. Der Name ist insofern täuschend, als dass er sich auf das Gender (also die Geschlechtsidentität) bezieht. Da diese aber nicht immer deckungsgleich mit dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht ist, sollte man nicht davon ausgehen, dass jedes mit einem Penis geborene Kind ein Junge ist. Ebenso wenig, wie eine Vulva Weiblichkeit bedeutet. Folglich ist es weniger das Gender, das enthüllt und zelebriert wird, sondern vielmehr das zu erwartende Genital des ungeborenen Kindes.

In einer binären cis-heteronormativen Gesellschaft wird davon ausgegangen, dass Menschen entweder männlich oder weiblich sind und sich vom jeweils anderen Geschlecht angezogen fühlen. Es wird eine Dichotomie aufgebaut, mit vermeintlichen Eigenschaften und Interessen, die als gegenteilig verstanden werden. Etwas "wie ein Mädchen" zu tun, ist meist abwertend gemeint – "wie ein echter Kerl" hingegen deutet auf Stärke hin. Wut und Aggression gelten zugleich als etwas inhärent männliches. Diese Zuschreibung ebnet den Weg für Femizide, die oftmals als "Beziehungsdramen" bagatellisiert werden, sowie Gewalt an Personen, die geschlechtsbasierten Erwartungshaltungen nicht entsprechen.

Privilegierung bedeutet, dass die Gesellschaft Menschen aufgrund bestimmter Aspekte ihrer Identität unverdiente Vorteile gewährt. Und auf der anderen Seite gibt es die Unterdrückung – die Idee, dass die Gesellschaft Menschen aufgrund bestimmter Aspekte ihrer Identität benachteiligt. Privilegierte Menschen profitieren also auf Kosten von unterdrückten Menschen. Privilegien und Unterdrückung müssen jedoch im Zusammenhang mit größeren Machtstrukturen verstanden werden – Patriarchat, Rassismus, Klassismus und Behindertenfeindlichkeit, um nur einige zu nennen. Unter diesen Machtstrukturen haben privilegierte Menschen institutionelle Macht über unterdrückte Gruppen.

Immer wieder blickt Deutschland kritisch auf andere Länder, die queere Menschen unterdrücken, diskriminieren und teils sogar kriminalisieren.
Gemäß dem europäischen Selbstverständnis, aufgeklärter und gleichberechtigter zu sein, bleibt es jedoch oft bei einem kritischen Blick auf die anderen. Menschenrechtsverletzungen werden selten sanktioniert und auch die Selbstreflexion scheint, wenn es um die Umsetzung geht – wie beispielsweise ein Selbstbestimmungsrecht für trans* Personen – eher aus.

Auszug aus dem Fragebogen, den trans* Personen zur Personenstandsänderung beantworten müssen.

Wenn du Interesse an einem Ausstellungskatalog hast, schreib mir gerne eine Mail. Ein paar Ausgaben sind noch da :)

6 Kommentare

Sehr witziger und humorvoller Umgang mit so einem wichtigem Thema. Richtig gut gelungen Fakten und Symbolbilder in Einklang zu bringen 🙂

wichtiges Thema auf eine neue witzige weise umgesetzt, was noch deutlicher macht wie absurd gewissen dinge sind und dass wir uns damit beschäftigen mü

So gut gemacht Lotti! Stößt einem vor den Kopf wo wir stehen und wohin wir uns entwicklen müssen. Kannst so stolz auf dich sein und Happy Bachelor! <3

Du hast es mal wieder geschafft, dem Thema einen soo einzigartigen, interessanten Kniff zu geben, dass mensch gar nicht anders kann,

Als gleichzeitig neugierig zu werden und deine Sichtweise nachzuvollziehen. Danke, dass ich mit dir lernen durfte Lotti <3 Happy Bachelor!

Beeindruckend dieses frustrierende Thema als Spiele darzustellen. Das wird aber der Absurdität dessen gerecht und die Umsetzung ist super gelungen!!

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